9. Türchen im Kirchenasyl-Adventskalender

Freude und Scham

9. Dezember: Freude und Scham

Mahdi, 18, lebt seit Mai 2018 in einer Hamburger Gemeinde im Kirchenasyl. Sein Asylantrag in Norwegen war abgelehnt worden. Trotz einer schweren Krankheit sollte er nach Afghanistan abgeschoben werden. Seine norwegische „Großmutter“ (60) erzählt:

Freude und Scham

Die ersehnte Antwort kam, als ich in meinem Nationalkostüm der Parade am 17. Mai zuschaute: Blasmusik, fröhliche Kinder, die norwegische Fahnen schwenkten und „Hurra“ riefen.

Bei uns in Norwegen ist der 17. Mai ein Tag des Stolzes und der Freude: Wir feiern unsere Verfassung und die Befreiung von Dänemark 1814, von Schweden 1905, von der deutschen Besatzung 1945. Mein Vater musste während der Nazizeit nach Schweden fliehen. Ich bin aufgewachsen mit all den Geschichten von Widerstand, Flucht und Befreiung.

Also wollte ich nun denen helfen, die heute vor Krieg und Verfolgung fliehen müssen. Aber unser reiches Norwegen lehnt immer mehr von ihnen ab. Heute müssen deshalb Menschen wieder aus Norwegen fliehen. Und ich kann bestraft werden, wenn ich ihnen helfe. Schweden, das sichere Land für meinen Vater, ist auch kein Zufluchtsort mehr. Wohin also? Nach Deutschland oder weiter? Da gibt es jedoch die Dublin III-Verordnung, die die Menschen zurück schickt, weil eigentlich Norwegen zuständig ist. Aber von hier aus geht es direkt ins Herkunftsland zurück.

Ich hatte vom Kirchenasyl in Deutschland gehört, wusste auch von den Kriterien und von begrenzten Ressourcen. Ich machte mir Sorgen: Hatte ich deutlich genug schildern können, wie gefährdet Mahdi, dieser Junge von gerade 18 Jahren, wäre, wenn er abgeschoben würde nach Kabul? Er war nie dort, er ist allein, er gehört zu einer ethnischen Minderheit, er leidet an einer seltenen Erbkrankheit, die ohne gute Behandlung tödlich sein kann. War klar genug geworden, dass es in Norwegen keine zweite Chance für ihn geben würde?

Vor vier Monaten war Mahdi aus Norwegen nach Deutschland geflohen.

Dann kam die Antwort von mir unbekannten Menschen, mit denen ich über Wochen intensiv kommuniziert hatte, die mit Mahdi gesprochen, recherchiert und Papiere übersetzt hatten: Es gibt eine Gemeinde, die ihn aufnimmt. Dankbarkeit. Freude. „Hurra“.

Der 17. Mai – dieser norwegische Freudentag, er fühlt sich irreal an für mich. Ich schäme mich für mein Land. In die Freude über den Schutz für Mahdi mischen sich Nachdenklichkeit und Tränen: Was ist mit all den Anderen, die Hilfe benötigen, die keinen Schutz finden, die immer weiter fliehen müssen?

Alle Geschichten dieses Adventskalenders sind reale Berichte realer Menschen. Die Namen wurden von der Redaktion geändert.