8. Türchen im Kirchenasyl-Adventskalender

M, U und T

8. Dezember: M, U und T

Reza lebte mit seinen Eltern 2017/18 im Kirchenasyl. Die Familie war über Bulgarien eingereist. Mutter und Kind sind in therapeutischer Behandlung. Die Therapeutin des Jungen berichtet.

M, U und T

Als ich Reza kennenlerne, ist er fünf Jahre alt – ein freundlicher, ernster kleiner Junge. Er war mit seiner Mutter auf der Flucht, hat mit ihr schlimme Zeiten in einem gefängnisartigen Camp verbringen müssen und erst nach Monaten den Vater wieder getroffen.

Die Eltern hatten berichtet, ihr Sohn könne nicht einschlafen, schlafe höchstens kurz, die ganze Nacht sei er unruhig, schlage mit seinen Händen gegen die Wand, schreie, verstecke sich unter der Decke; nur in den frühen Morgenstunden nicke er aus Erschöpfung etwas ein.

Er habe große Angst, vor dem Alleinsein und besonders vor der Polizei. Und große Angst, dass ihm die Eltern weggenommen werden könnten, dass sie nicht zurückkommen. Einmal habe er ohne äußeren Anlass seinen Rucksack aufgesetzt und gefragt: „Wann kommen sie und holen uns?“ Er erschrecke schnell, sei meistens sehr unruhig; manchmal hingegen werde er außergewöhnlich ruhig und verkrieche sich vor Angst ins Bett.

Einige Monate nach Beginn der Therapie mit dem Jungen erfahre ich, dass die Familie ins Kirchenasyl aufgenommen wurde. Sie lebt nun für einige Zeit in einer kleinen Wohnung innerhalb eines Kirchengebäudes. Bei meinen Besuchen (die Eltern durften das Areal der Kirche nicht verlassen) begegnet mir nun eine Familie, die entspannter ist, endlich nach langer Zeit etwas Privatsphäre genießt; fast wie in einem normalen Zuhause. Die Mutter kann selber kochen und die Familie versorgen. Reza ist sofort anzumerken, dass er sich etwas geborgener fühlt.

Wir alle spielen Fußball, ich erlebe Reza ausgelassen und fröhlich; er darf toben und Tore schießen. Wir lachen zusammen. Er schläft besser, er ist ruhiger geworden. Reza geht gerne mit, wenn Kirchenmitglieder ihn zu Ausflügen mitnehmen, aber es ist auch schwierig, da die Eltern ihn nicht begleiten dürfen. Er darf weiterhin in die Kita gehen, aber die Eltern dürfen ihn auch dorthin nicht begleiten, das ist nicht leicht für den kleinen Jungen.

Vor einigen Wochen wurde Reza eingeschult. Jetzt ist er sehr stolz, „M“ und „U“ und „T“ schreiben zu können.

Alle Geschichten dieses Adventskalenders sind reale Berichte realer Menschen. Die Namen wurden von der Redaktion geändert.