7. Türchen im Kirchenasyl-Adventskalender

Binjam und der Eisbär

7. Dezember: Binjam und der Eisbär

Binjam kommt aus Eritrea. Nach einer jahrelangen Flucht erreichte er 2016 über das Mittelmeer Europa. In Italien wurde er registriert, erhielt aber keine Unterkunft, Unterstützung oder medizinische Versorgung. Er lebte 2016/17 in Mecklenburg-Vorpommern im Kirchenasyl. Ein ehrenamtlicher Unterstützer berichtet.

Binjam und der Eisbär

„Lesen wir heute wieder ein Märchen?“ fragt Binjam, und seine Augen leuchten erwartungsvoll. Er ist bei uns im Kirchenasyl und baut an einer halbhohen Natursteinmauer, die den Pfarrgarten umgibt. Gestern hat er das Märchen „Rumpelstilzchen“ kennengelernt. Der Name ist kaum aussprechbar für ihn. „Was bedeutet er? Was ist das für ein Männchen? Warum freut es sich, wenn niemand seinen Namen errät? Ist das nicht unhöflich?“ Viele Fragen…

Märchen hat ihm in seiner Kindheit niemand erzählt. Mit zwölf Jahren konnte er das erste Mal eine Schule besuchen und hat dann fleißig gelernt. „Ja, nach unserer Arbeit setzen wir uns und lesen ein anderes Märchen. Du liest und fragst mich, wenn du etwas nicht verstehst“, sage ich. Und mit sicherem Augenmaß zeigt Binjam auf einen großen Stein. „Diesen dort bauen wir als nächsten ein“, und ich reiche ihm den Feldstein. Wir holen weitere von einem Steinhaufen mit der Schubkarre. Er wählt ein paar aus, legt sie hinein und zieht die Karre hinter sich her. „Zugkarre“ sagt er und lächelt.

Ein Mann kommt vorbei, sagt geringschätzig „Na, arbeitet der auch fleißig?“ und zeigt auf Binjam. Ich merke, wie es in mir brodelt. Als wäre Binjam der Hilfsarbeiter. Dabei ist es ganz anders und so antworte ich: „Und ob. Binjam ist der Chef hier. Er hat schon viele Mauern gebaut als Kind in seiner Heimat. Ich helfe ihm nur und reiche die Steine. So sieht es aus!“ Schweigend geht der Mann weiter.

Nach unserer Arbeit lesen wir Schneewittchen. Ehe Binjam geht, nimmt er sich aus dem Regal ein Kuscheltier. „Darf ich das hier haben?“ Und leise fügt er hinzu, „ich hatte als Kind nie eins“. Ich verkneife mir, ihn auf sein Alter hinzuweisen, Binjam ist Mitte 20. „Gern“, antworte ich. Überlege Dir einen guten Namen für ihn, „Rumpelstilzchen vielleicht?“ Binjam lacht und klemmt den Eisbären unter seinen Arm. „Ich gebe ihm deinen Namen – Michael!“

Alle Geschichten dieses Adventskalenders sind reale Berichte realer Menschen. Die Namen wurden von der Redaktion geändert.