6. Türchen im Kirchenasyl-Adventskalender

Zum ersten Mal wieder Hoffnung

6. Dezember: Zum ersten Mal wieder Hoffnung

Anas (48) musste bereits vor 14 Jahren aus seinem Heimatland Irak fliehen. Eine Flüchtlingsberaterin der Diakonie lernte ihn im Mai 2018 kennen.

Zum ersten Mal wieder Hoffnung

Anas ist kleinwüchsig und mehrfach körperlich beeinträchtigt. Seine Stimme ist nur ein Flüstern. Zusätzlich zu seinen vielen körperlichen Beeinträchtigungen ist er auch psychisch inzwischen völlig am Ende. Schnell ist klar: Anas braucht Schutz vor der drohenden Abschiebung.

Er kommt in den folgenden Wochen oft in die Beratung und seine Geschichte berührt mich sehr:
Anas‘ Leben ist durchzogen von Ablehnung – von Beginn an. Ein behindertes Kind wollte der Vater nicht und gab das Baby weg. 2004 musste Anas wegen des Krieges und Al Qaida nach Jordanien fliehen. Seine Schwester „verlor“ die Papiere, die seine Situation hätten belegen können. Sie erhielt Asyl, er mangels Beweisen nicht. Anas vermutet, auch sie habe sich mit dem behinderten Bruder nicht belasten wollen. Es gelang ihm, nach Schweden zu fliehen. Fast zehn Jahre lebte er dort ohne eine Asylentscheidung. Gesprochen, so erzählt Anas, habe auch dort kaum jemand mit ihm. 2017 schließlich wurde ihm die Abschiebung in den Irak angedroht. Verzweifelt machte er sich auf den Weg nach Deutschland. Auch hier in der Flüchtlingsunterkunft schlägt ihm Ablehnung entgegen. Seine Landsleute meiden ihn ganz offensichtlich wegen seines Aussehens. Dabei ist Anas ein sehr freundlicher und gebildeter Mensch. Er interessiert sich für klassische Musik, spielt gerne Schach. Und trotz seines schweren Schicksals hat er eine enorme innere Kraft.

Eine Kirchengemeinde nimmt den kleinen Mann auf.

Als ich ihn einen Monat später dort besuche, ist Anas ruhiger. Er kann wieder schlafen. Ein Schneider hat ihm seine Kleidung passend zu seiner Behinderung geändert, er hat sich sogar die Haare modisch schneiden lassen. Die Menschen in der Kirchengemeinde behandeln ihn als ganz normalen Menschen. Ich sehe ihn erstmals häufiger lächeln, und er selbst erzählt, er hätte seit langer Zeit zum ersten Mal wieder Hoffnung.

Vor ein paar Tagen kam die Nachricht vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Deutschland wird Anas jetzt nicht abschieben, sondern hier über sein Schutzgesuch entscheiden.

Alle Geschichten dieses Adventskalenders sind reale Berichte realer Menschen. Die Namen wurden von der Redaktion geändert.