3. Türchen im Kirchenasyl-Adventskalender

Ich habe immer Angst vor Abschiebung

3. Dezember: Ich habe immer Angst vor Abschiebung

Wahid (25) kommt aus Afghanistan und lebt in Mecklenburg-Vorpommern im Kirchenasyl. Die Pastorin der Kirchengemeinde hat seine Geschichte aufgeschrieben.

Ich habe immer Angst vor Abschiebung

Bereits als 15-Jähriger musste er vor den Taliban fliehen. Er gelangte 2008 nach Norwegen. Bis er volljährig wurde, durfte er dort bleiben, dann sollte er zurück nach Afghanistan. Er floh weiter nach Deutschland, wurde zurück geschickt nach Norwegen und von dort 2012 nach Afghanistan abgeschoben. Die Taliban bedrohten ihn erneut, Wahid floh in den Iran. Statt seiner töteten die Islamisten ein anderes Familienmitglied. „Komm nie zurück. Du bringst uns in Gefahr“, sagte ihm seine Familie.

Er schaffte es 2013 ein zweites Mal nach Europa, wollte nach Norwegen, zu alten Freunden. Seine weitere Erzählung macht mich zunehmend sprachlos. Siebenmal wurde Wahid innerhalb Europas hin- und hergeschoben wie ein unzustellbares Paket. Österreich, Norwegen, Österreich, Belgien, Österreich, Schweden, Österreich, Italien, Frankreich. Überall durfte er nur wenige Monate bleiben, bis auf Schweden. Dort wurde er ein Jahr lang in einer psychiatrischen Klinik behandelt, bevor er schließlich doch wieder abgeschoben wurde.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sieht keinen Grund, ihn nicht noch einmal zu „verschicken“, diesmal nach Italien. In dem Bescheid heißt es: „Da er nachweislich seit 2013 nach <Aufzählung der Länder> überstellt werden konnte, wird davon ausgegangen, dass eine Überstellung keine lebensbedrohlichen Folgen für den Antragsteller hat.“

Unser Kirchengemeinderat ist anderer Meinung. Er sieht einen jungen Menschen, der in seiner Heimat von Krieg und Terror bedroht ist und seit zehn Jahren allein in Europa umherirrt, ohne dass er irgendwo ankommen darf. Wahid kann nicht mehr. Er fühlt sich verfolgt, kann nicht mehr schlafen, nimmt Medikamente. Der Betreiber der Flüchtlingsunterkunft hat ihn unter Beobachtung in ein Einzelzimmer verlegen lassen. Wahid sagt, er sei dieses Lebens müde.

Die Kirchengemeinde hat den Kreislauf von Heimatlosigkeit und Entwurzelung durchbrochen. Wahid ist seit sechs Monaten bei uns im Kirchenasyl. Gemeindemitglieder schauen nach ihm. Ein Psychologe kümmert sich ehrenamtlich. Wahids Geschichte wird ausführlich dokumentiert. So kann nach dem Kirchenasyl hoffentlich auch dem BAMF deutlich werden, dass er Schutz braucht – und einen Ort, an dem er bleiben kann.

Alle Geschichten dieses Adventskalenders sind reale Berichte realer Menschen. Die Namen wurden von der Redaktion geändert.