10. Türchen im Kirchenasyl-Adventskalender

Lebenswichtige Anhörung – per Skype!

10. Dezember: Lebenswichtige Anhörung – per Skype!

Hammad kommt aus dem Irak und befand sich 2017 im Schutz einer Kirchengemeinde in Schleswig-Holstein. Inzwischen lebt er als anerkannter Flüchtling in Hamburg. Die Pastorin berichtet.

Lebenswichtige Anhörung – per Skype!

Als er im November vor mir steht, hat er bereits drei Nächte aus Angst vor einer Abschiebung im Freien genächtigt – auf den Stufen einer Kirche, ohne dass es jemand bemerkt hatte. Er hat ungewaschene lange schwarze Haare, einen Bart und sieht mit seinem Rucksack furchteinflößend aus. Er ist vollkommen übermüdet, geht duschen, rasiert sich, kommt in anderen Klamotten wieder, und ich bin beruhigt. Sein Gesicht ist verändert. Er isst etwas und schläft erstmal.

Nach Norwegen soll er zurück, da dort sein Asylantrag abgelehnt wurde. Seine Geschichte zusammenzubekommen dauert lange. Er hatte in Russland studiert, und zurück im Irak Menschenrechtsarbeit geleistet. Das hat er zu spüren bekommen – irgendwann wurde auf ihn geschossen. Sein Hund warf sich dazwischen und rettete ihm das Leben. Durch Freunde bekam er ein russisches Visum für drei Monate. Bleiben konnte er dort nicht. Er musste es nach Europa ins Exil schaffen. Der einzige Weg: Über den Polarkreis mit einem Fahrrad nach Norwegen. Im Polargebiet in einem Asylheim wurde er durch die Dunkelheit und Abgeschiedenheit krank, bekam Tabletten, wurde abhängig. Nur per Skype durfte er seine Asylgründe vortragen. Als der negative Bescheid kam, flüchtete er nach Deutschland.

Aber auch hier: Kaum jemand, der seine Geschichte hören will. Und er kann seine Geschichte auch kaum erzählen, so sehr belasten ihn die Erinnerungen. Die Härtefallbegründung wird vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge abgelehnt.

Er hat auf USB-Sticks viele Dokumente, Videofilme und Berichte. Viel zu viele für ein rasches Asylverfahren. Niemand will das sehen. Ein Freund aus dem Irak, Deutscher inzwischen und Migrationsberater, nimmt sich der Dokumente an und erkennt die Brisanz: Hammad ist gefährdet. Würde er nach Norwegen überstellt und von dort dann weiter zurück in den Irak, wäre auf jeden Fall sein Leben in Gefahr.

Nach Ablauf der Frist will das Bundesamt ihn nicht anhören. Wiederholt besteht er darauf, dass es in Norwegen nur eine Skype-Anhörung gegeben habe. Schließlich bekommt er ein zweites Asylverfahren. Nach drei Wochen erhält er die Anerkennung als Flüchtling nach der Genfer Flüchtlingskonvention.

Alle Geschichten dieses Adventskalenders sind reale Berichte realer Menschen. Die Namen wurden von der Redaktion geändert.